Gerichtspsychologisches Institut Bielefeld GbR

Jahresstatistik 2019

Familiengerichtliche Begutachtungen

Die Gutachterinnen und Gutachter des Gerichtspsychologischen Instituts haben im Jahr 2019 insgesamt 101 Fälle zu familienrechtlichen Fragen abgeschlossen. Die Aufträge zu familienrechtlichen Fragestellungen kamen ganz überwiegend von Amtsgerichten (vgl. Tab. 1).

Tab. 1: Beauftragende Institutionen 2019 im familienrechtlichen Bereich

Amtsgericht Arnsberg
Amtsgericht Lennestadt
Amtsgericht Bad Oeynhausen
Amtsgericht Lippstadt
Amtsgericht Bielefeld
Amtsgericht Nienburg
Amtsgericht Blomberg
Amtsgericht Osnabrück
Amtsgericht Brakel
Amtsgericht Paderborn
Amtsgericht Brilon
Amtsgericht Rheda-Wiedenbrück
Amtsgericht Detmold
Amtsgericht Stolzenau
Amtsgericht Gütersloh
Amtsgericht Tecklenburg
Amtsgericht Halle Westf.
Amtsgericht Warburg
Amtsgericht Höxter
Amtsgericht Warendorf
Amtsgericht Lemgo
Oberlandesgericht Hamm

Die Beauftragungen betreffen zum einen Fragestellungen zur Regelung von Trennungs- und Scheidungsfolgen (Sorgerecht, Aufenthalt, Umgang von Kindern mit Elternteilen oder anderen Personen), zum anderen Fragestellungen im Zusammenhang mit Kindeswohlgefährdung (Erziehungsfähigkeit der Eltern, Notwendigkeit der Herausnahme von Kindern aus der Familie, Möglichkeit der Rückführung fremduntergebrachter Kinder) (vgl. Tab. 2).

Insgesamt betrafen über die Hälfte der Fälle Fragestellungen zur Fremdunterbringung von Kindern (Herausnahme, Rückführung, 54,5%), knapp die Hälfte der Fragestellungen bezog sich auf Trennungs- und Scheidungsfolgen (Sorge, Aufenthalt, Umgang mit Elternteil oder anderen Personen, 48,5 %) und in 4 Fällen (3,96 %) waren sowohl Scheidungsfolgen als auch die Frage der Fremdunterbringung zu klären.

In den 101 Fällen wurden 168 Kinder in die Begutachtung einbezogen, was pro Familie im Durchschnitt zwei Kinder ausmacht. Dabei hatten die Familien, bei denen es ausschließlich um Scheidungsfolgen für die Kinder ging, etwas weniger Kinder (durchschnittlich 1,35) als die Familien, bei denen es auch oder nur um die Fremdunterbringung ging (durchschnittlich 1,91). Das Alter der einbezogenen Kinder reichte von unter 1 Jahr bis 17 Jahre; im Durchschnitt waren sie 7 Jahre alt. Der Altersunterschied zwischen den Kindern, bei denen es um Scheidungsfolgen ging (durchschnittlich 7; 8 Jahre) und bei denen es um die Frage der Fremdunterbringung ging (durchschnittlich 6; 6 Jahre), betrug knapp ein Jahr.

Tab. 2: Häufigkeit und Prozentanteil unterschiedlicher Fragestellungen

Fragestellung
Häufigkeit
Prozent der Fragestellungen
Sorgerecht nach Trennung
5
3,65
Änderung des Sorgerechts später
12
8,76
Aufenthalt nach Trennung
10
7,30
Änderung des Aufenthalts später
18
13,14
Umgang mit einem Elternteil
27
19,71
Umgang mit anderen Personen
2
1,46
Missbrauchsverdacht im familiengerichtlichen Verfahren
3
2,19
Herausnahme von Kindern aus der Familie
35
25,55
Rückführung in die Familie
18
13,14
Umgang bei Fremdunterbringung
7
5,11
Sonstiges
0
0,00
Summe1
137
100,00
1Da in manchen Fällen mehrere Fragestellungen zu bearbeiten waren, liegt die Zahl der Fragestellungen höher als die Zahl der Fälle.

Die Ausgangslage der 49 Familien mit 66 Kindern, bei denen es in der Begutachtung um Scheidungsfolgen ging, stellte sich folgendermaßen dar:

Sorgerecht

Bei den 66 Kindern, die in die Begutachtungen um Scheidungsfolgen einbezogen waren, bestand für 47 Kinder (71,21 %) das gemeinsame Sorgerecht, für 16 Kinder (24,24 %) hatte die Mutter das Sorgerecht und für 3 Kinder (4,55 %) hatte der Vater das Sorgerecht.

Aufenthalt

Vier Kinder lebten noch bei beiden Eltern gemeinsam, bei einem Kind (1, 51 %) wurde ein Wechselmodell praktiziert, 43 Kinder (65,15 %) hielten sich bei der Mutter auf, 13 Kinder (19,70 %) beim Vater, ein Kind (1,51 %) lebte in einer Wochengruppe und 3 Kinder (4,55 %) wohnten im Heim oder in Pflegefamilien.

Umgang

Die Angaben zum Umgang zeigen, dass es in diesem Bereich insofern Probleme gibt, als lediglich knapp 25 % der Kinder mindestens zweimal im Monat Kontakt zum anderen Elternteil mit Übernachtung hatten. Über 27 % der Kinder hatten sogar keinen Kontakt zum anderen Elternteil im letzten Jahr.

Tab. 3: Tatsächlicher Umgang

Häufigkeit
%
Zweimal im Monat mit Übernachtung
16
24,24
Zweimal im Monat ohne Übernachtung
11
16,67
Seltener mit Übernachtung
7
10,61
Seltener ohne Übernachtung
5
7,58
Weniger als 3 Kontakte in den letzten 3 Monaten
5
7,58
Kein Kontakt im letzten Jahr
18
27,27
Entfällt1
4
6,06
Summe
66
100,00
1Hier handelt es sich z. B. um die Kinder, die ein Wechselmodell praktizieren und damit im Wechsel bei beiden Elternteilen leben oder z. B. um Kinder, die noch bei beiden Elternteilen leben.

Herstellung von Einigungen

Wir sind in unserer Arbeit insbesondere in den Fällen, in denen es um die Folgen einer Elterntrennung geht, bestrebt, möglichst eine einvernehmliche Regelung mit den Parteien zu erreichen. Dies gelingt nicht immer und je nach Fragestellung unterschiedlich häufig. Bisweilen gibt es Einigungen in Teilaspekten.

Tab. 4: Häufigkeit und Prozentanteil von Einigungen bei Fragestellungen zu Trennungs- und Scheidungsfolgen

Fragestellung
Anzahl der Fälle
Häufigkeit von Einigungen in diesen Fällen
%
Sorgerecht nach Trennung
5
1
20,00
Änderung des Sorgerechts später
12
4
33,33
Aufenthalt nach Trennung
10
3
30,00
Änderung des Aufenthalts später
18
8
44,44
Umgang mit einem Elternteil
27
7
25,93
Umgang mit anderen Personen
2
2
100,00
Missbrauchsverdacht im familiengerichtl. Verfahren
3
0
0,00
Zusammen
77
25
32,47

In Tabelle 4 sind die Fälle aufgeführt, in denen es im Rahmen der Begutachtung bei Fragestellungen zu Trennungs- und Scheidungsfolgen zu einer vollständigen Einigung gekommen ist. Daneben gibt es Fälle, in denen es zu teilweisen Einigungen kommt (z. B. in Bezug auf ein Kind, aber nicht in Bezug auf ein anderes). Diese Fälle sind für diese Fragestellungen hier nicht als Einigungen angeführt. Der Prozentsatz der Einigungen über alle Fragestellungen hinweg ist im Vergleich zum Vorjahr um 11 % gesunken, vor allem bei den Fragen zum Sorgerecht nach Trennung und Scheidung (30 %), zum Aufenthalt nach der Trennung (30 %) sowie zum Umgang mit einem Elternteil (knapp 15 %).

In der folgenden Tabelle (Tab. 5) beziehen sich die Einigungen auf die Anzahl der Kinder in Fällen, in denen es um Fragestellungen der Herausnahme, der Rückführung und/oder des Umgangskontakts im Rahmen einer Fremdunterbringung ging. Die Tabelle bildet somit ab, bei wie vielen Kindern, so z. B. auch in Fällen, bei denen sich die Fragestellung auf mehrere Kinder einer Familie bezog, jeweils eine Einigung hergestellt werden konnte. Insgesamt konnte für 52 % der 25 betroffenen Kinder eine Einigung zur Frage der Rückführung in die Familie erzielt werden, was einerseits bedeuten kann, dass sich die Beteiligten auf eine Rückkehr der Kinder in ihre Herkunftsfamilie verständigen konnten und andererseits, dass ein Einvernehmen über den Verbleib der Kinder in ihrer Pflegestelle hergestellt wurde. Bei 21 % der 66 betroffenen Kinder konnte entweder durch die Zustimmung der Eltern eine Einigung zur Frage der Herausnahme erreicht werden oder aber – in sehr seltenen Fällen - durch ein Einvernehmen aller Verfahrensbeteiligten für einen weiteren Verbleib der Kinder in der Familie. In der Regel beziehen sich diese Einigungen jedoch auf Fälle, in denen die Eltern einer Herausnahme der Kinder aus der Familie zustimmen konnten. Im Weiteren konnte in 8 % der 12 betroffenen Kinder eine Einigung hinsichtlich der Frage zum Umgang im Rahmen der Fremdunterbringung erzielt werden.

Tab. 5: Anzahl und Prozentanteil der Kinder von Einigungen bei Fragestellungen zur Herausnahme, Rückführung und Umgang bei Fremdunterbringung

Fragestellung
Anzahl aller Kinder
Anzahl der Kinder, für die eine Einigung erzielt wurde
%
Herausnahme von Kindern aus der Familie
66
14
21,21
Rückführung in die Familie
25
13
52,00
Umgang bei Fremdunterbringung
12
1
8,33
Zusammen
103
28
27,18

Aussagepsychologische Begutachtungen

Im Jahr 2019 wurden 7 Fälle zur Frage der Glaubhaftigkeit von insgesamt 7 Zeugen in Strafverfahren und familienrechtlichen Verfahren bearbeitet. Die Beauftragung zu aussagepsychologischen Gutachten in Straf-, Ermittlungs- oder Familienrechtsverfahren erfolgte durch Gerichte und Staatsanwaltschaften:

Amtsgericht Ahlen
Amtsgericht Kassel
Landgericht Dortmund
Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder)
Amtsgericht Halle (Westf.)

Bei den bearbeiteten Fällen handelte es sich ausschließlich um die Begutachtung von Aussagen über Sexualdelikte oder körperliche Misshandlungsdelikte. In 5 Fällen waren die Zeugen weiblich und in 2 Fällen männlich. In den Verfahren reichte das Alter der Zeugen zum letzten angeblichen Tatzeitpunkt von 7 Jahren bis 30 Jahren mit einem Altersdurchschnitt von 17 Jahren. Das Alter zum Zeitpunkt der Begutachtung variierte zwischen 7 Jahren und 32 Jahren mit einem Altersdurchschnitt von 18 Jahren. Der Zeitabstand zwischen angeblich letztem Tatzeitpunkt und Begutachtung betrug durchschnittlich 1,47 Jahre mit einem Minimum von unter einem Jahr und einem Maximum von 2 Jahren. In 5 Fällen war es möglich, eine beurteilbare Aussage zu erheben.